Espresso Book Machine

Wie das Book-to-Go den Buchmarkt verändern wird

Die Espresso Book Machine (c) Book-on-Demand

Das nächste große Ding für die Literatur kann die Espresso Book Machine werden. Denn die Espresso Book Machine macht mit Print-on-demand ernst. In der Zeit, die man sonst für das Kochen eines Espressos braucht, druckt sie das Buch, das der Kunde aus bisher sieben Millionen Titeln auswählt. Komplett mit Zuschnitt, Softcover und Leimung.

Schon 2009 als “biggest change in publishing since Gutenberg” deklariert, befand sich die Maschine bisher nur in der Testphase. Rund um den Globus wurden rund 60 Maschinen in Buchhandlungen und Bibliotheken platziert. Gleichzeitig wurden strategische Partnerschaften mit Xerox, Google Books und verschiedenen Verlagen geschlossen.

Doch erst jetzt nimmt die Espresso Book Machine die kritische Schwelle. Letzte Woche haben sich die Erfinder der Maschine mit Kodak zusammengetan. Und Kodak betreibt über 100.000 Kodak Picture Kiosks auf der Welt, mit denen bereits der on-demand-Druck digitaler Fotografien revolutioniert wurde. Schon Ende des nächsten Jahres sollen alle Picture Kiosks in den USA um die Espresso-Buchdruckmaschinen erweitert sein. Europa und der Rest der Welt sollen zeitnah folgen.

Aber Moment mal… Da denken wir bei LitFlow gerne über das Ende der Buchkultur und seine Folgen nach – und jetzt investieren Kodak und Book-on-Demand (die Firma hinter der Maschine) Unsummen um an jeder Ecke der Erde Buchdruckmaschinen aufzustellen?!

Tatsächlich sind die Betreiber von Book-on-demand, der Firma hinter der Maschine, keine kopflosen Buch-Nostalgiker. Es sind Pioniere des Literaturbetriebs wie Jason Epstein, Ex-Random-House-Chef-Editor und Gründer des New York Book Review. So werden die Espresso Book Machines vor allem in der Zeit des Übergangs zur digitalen Literatur Gewinne abwerfen und den Markt verändern. Aber auch danach: Sollte es einen nostalgischen Literaturliebhaber doch einmal wieder nach etwas frisch Gedrucktem gelüsten, bereitet die Espresso Book Machine dem Kunden das Buch frisch duftend zu.

Für die Verlage bringt die Espresso Book Machine zunächst einige Vorteile mit sich. Sie können die Lager verkleinern. Ihre Backlist wird ständig und überall verfügbar. Kein Titel wird mehr ausverkauft sein.

Doch weil die Espresso-Book-Machine das alte Netzwerk des Buchdrucks und der Buchdistributions obsolet macht, werden die nächsten Autoren keine Verlage mehr brauchen. Nicht zufällig bietet die an die Maschine angeschlossene Self-Publishing-Plattform ExpressNet die Möglichkeit, die eigenen Texte an jedem Ort der Welt sofort drucken zu lassen. Außerdem kann ein Autor das Buch jederzeit verändern und den aktuellen Gegebenheiten immer weiter anpassen.

Auch für Leser liegen die Vorteile der neuen Maschine auf der Hand. So muss man nicht mehr einen Tag warten, bis man das Buch geliefert bekommt. Auch ermöglicht die Maschine den direkten On-Demand-Zugang zu allen in Buchform publizierten Texten. Nicht zuletzt sind die neuen Bücher gut für das Gewissen: Book-on-demand schreiben auf ihrer Webseite, die Espesso Book Machine sei „green“. Sie beendet die Überproduktion, das Rücksenden oder gar Einstampfen von Büchern. Die Umweltverschmutzung durch Versand und Verpackung wird abgestellt.

Für Amazon tritt mit der EBM der erste ernst zu nehmende Konkurrent auf den Plan. Denn die Espresso Book Machine setzt der Zentralisierung des Buchmarktes die Dezentralisierung entgegen. Amazon schaltete die Buchläden als Zwischenhändler aus. Die EBM erledigt die Druckereien, Verlage und Versandunternehmen. An ihr werden auf Dauer nur noch Kodak, Xerox, On-Demand-Publishing und die Autoren verdienen. Prozessoptimierung nennt man das. Ein weiterer Schritt in Richtung Individualisierung und Flexibilisierung der Wertschöpfungskette.

Doch wer glaubt, dass diese Entwicklung die kleinen Buchläden begünstigen wird, die sich dann einfach eine Espresso-Buchmaschine in den Verkaufsraum stellen können und damit über das gleiche Angebot wie große Online-Händler verfügen, der irrt. Die Espresso-Buchläden werden heutigen Copyshops ähneln. Eine bunte Auslage zum Stöbern wird man vergeblich suchen. Sie werden nach Feinstaub und Druckerschwärze riechen. Und wenn Kodak sich durchsetzt, könnte es gut sein, dass die Kunden sich ihre Bücher in Zukunft in der Drogerie oder im Fotofachgeschäft ausdrucken werden. Oder im Café, während sie einen Espresso schlürfen.