Die Barrierefreiheit der nächsten Literatur

„Ziemlich beste Freunde“, die im März 2012 erschienene Autobiographie von Philippe Pozzo di Borgo, hat bis heute 10 Prozent ihres Umsatzes digital erzielt, mit inzwischen über 30.000 im deutschsprachigen Markt verkauften Ebooks. Diese ungewöhnliche hohe Zahl hat uns als Pozzo di Borgos Verlag allmählich einen ganz neuen Blick auf die Möglichkeiten und Vorteile elektronischen Verlegens eröffnet, ja geradezu aufgezwungen. Plötzlich ging es nicht mehr einzig um die altbekannte, schwerbefrachtete Gegenüberstellung von Tradition und Erneuerung, die die Verlagswelt bedauerlicherweise vor allem in die Defensive treibt. Sondern um Themen wie Barrierefreiheit und Inklusion, um Innovationen, die – auf digitalen Entwicklungen basierend – Millionen von behinderten Menschen an einer großen Vielfalt literarischer Texte teilhaben lassen. Und sie dadurch, so meine Vermutung, zunehmend auch als Produzenten literarischer Texte, eben als Autoren in Erscheinung treten lassen wird.

Jede verlegerische Vision für die digitale Zukunft unsrer Bücher ist, zumindest zu diesem Zeitpunkt, mit dem EPUB-Format verknüpft. Es ist vermutlich kein Zufall, daß der Ursprung der 3.0-Version dieses Formats in dem international durchgesetzten Standard „Daisy“ (Digital Accessible Information System) zu finden ist, einem Standard, der zunächst für blinde User digital navigierbarer Hörbücher entwickelt wurde. Und vermutlich ist es auch kein Zufall, daß der Präsident des IDPF (International Digital Publishing Forums), dem u. a. Apple, Google, Adobe, sowie eine Vielzahl großer Verlage und Institutionen angehören, George Kerscher ist. Selbst blind, hat er den Begriff „print disabled“ geprägt für Menschen, die – durch physische oder sensorische Einschränkungen – gedruckte Texte nicht nutzen können.

„Unsere Herkunft aus der Verletzlichkeit macht uns flexibel und intelligent“, konstatiert Alexander Kluge in einem für die Aktion Mensch entstandenen Filmprojekt. In diesem Sinne ergibt sich auch hier aus der Erfahrung der Behinderung, der Verletzlichkeit, der Versehrtheit, ein kreativer Impuls, der wiederum etwas hervorbringt, was der Allgemeinheit zu Gute kommt. Viele zukünftige Innovationen werden aus jener Forschung hervorgehen, die behinderten Menschen zu einer besseren Kommunikation verhelfen soll, und dazu zählt natürlich auch die Rezeption von Texten, auch literarischen – und deren Produktion. Andere Beispiele hängen mit der von Computern automatisch umgesetzten Gebärdensprache zusammen oder selbst mit dem liebenswert gespenstischen Telenoid R1, der Smartphones womöglich bald dazu verhelfen wird neben Bild und Ton auch „Emotion“ zu übermitteln. Der gute alte Schauerroman hätte für Lesegeräte dann wohl eine ganz neue Implikation.